Wohnen unter einem Reetdach

Leseprobe : Mila Schrader, Reet & Stroh als historisches Baumaterial, Edition : anderweit

Selbst wenn das Thema »Reetdach« überhaupt nicht unter dem Aspekt der regionalen Baukultur und der Denkmalpflege beurteilt wird, bleiben immer noch eine Reihe von wichtigen Argumenten bestehen, die zugunsten eines Daches aus Naturbaustoffen sprechen Es sind dies Bauästhetik, Individualität, Ressourcenschonung durch gute Klimaeigenschaften sowie alle jene nicht in Mark und Pfennig zu bewertenden Empfindungen, die zum Wohlbefinden in den eigenen vier Wänden beitragen.

Bauphysikalische Eigenschaften

Die bauphysikalischen Eigenschaften des Reetdaches, die insbesondere die vorteilhaften Dämmeigenschaften hinsichtlich Wärme und Schall sowie die Regensicherheit und Dauerhaftigkeit einschließen, sind in erster Linie in der speziellen Bauweise der einzelnen Halme begründet, bei der sich auf engem Raum unterschiedliche Stoffe, nämlich Luft und Pflanzenteile abwechseln und gleichzeitig einen dichten und trotzdem diffusionsoffenen Dachaufbau ermöglichen.

Warmdach, Kaltdach

Bei der Beurteilung der Eigenschaften eines Daches unterscheidet man grundsätzlich zwischen einem sogenannten Kalt- und einem Warmdach. Beim Kaltdach oder belüfteten Dach wird zwischen der Dachhaut und der wärmedämmenden Innenschicht ein Zwischenraum gelassen, der über Öffnungen am First, in der Dachfläche und an den Dachrändern mit der Außenluft in Verbindung steht und somit als Klimapuffer verhindert, daß sich die Temperaturschwankungen von innen nach außen und von außen nach innen übertragen. Im Gegensatz zum Kaltdach sind Warmdächer - zu denen auch das Weichdach aus Reet und Stroh zählt - einschalige und unbelüftete Dächer, bei denen üblicherweise Maßnahmen zum Schutz gegen Wasserdampfdiffusion und die daraus resultierende Kondensation zu treffen sind. Bei Hartdeckungen mit Ziegeln, Schiefer oder Betondachsteinen kann es bei bestimmten Klimavoraussetzungen zu einer tieferen Temperatur des Deckmaterials als in der sie umgebenden Außenluft kommen, so daß der Taupunkt unterschritten wird und sich an der Unterseite der Deckung ein Wasserkondensat als Schwitzwasser bildet. Durch den hohen Luftanteil des Reet- und Strohmaterials kann es bei einem als Warmdach ausgeführten Weichdach nicht zu dieser Entwicklung kommen, da es auf Grund seiner bauphysikalischen Eigenschaften atmungsaktiv und diffusionsoffen ist.

Wärmeleitung und Wärmeschutz

Deckungen aus Ziegel und Stein sind als gute Wärmeleiter bekannt und kaum in der Lage, das Eindringen der äußeren Temperaturen in den Raum unter dem Dachstuhl zu verhindern. Ganz anders ist es bei Stroh und Rohr, die durch ihren hohen Anteil an Luft als schlechte Wärmeleiter gelten. Denn Luft verändert seine Temperatur deutlich langsamer als die sie umgebenden Feststoffe. So verdanken diese Dächer ihre klimaausgleichende Eigenschaft zum einen der Dicke der Dachhaut, aber auch dem Deckmaterial selbst, dessen Hohlräume mit Luft gefüllt sind und daher für einen atmungsaktiven Ausgleich der Luftfeuchtigkeit sorgen.
Dieser wirksame Wärmeschutz, also die Abwehr der äußeren Kälte und die Erhaltung der durch Heizung erzeugten Wärme, sorgen für ein Gefühl von Behaglichkeit. Das Innere eines reetgedeckten Hauses ist daher vor extremen Temperaturschwankungen, die im Tag-Nacht-Wechsel auftreten, geschützt. Die geringe Wärmeleitfähigkeit des Rohrs hilft bei der Senkung der Heizkosten. Unter dem weichen Dach ist es darum im Winter mollig warm und im Sommer angenehm kühl.
Die Wärmeschutzverordnung schreibt für alle Bauteile Wärmedämmwerte vor. Die bestimmende Größe für den Wärmeschutz ist der sogenannte k-Wert, der Wärmedurchgangskoeffizient, auch Wärmedurchgangszahl genannt, der in W/(m2K) gemessen wird. Je kleiner der k-Wert ist, desto besser die Wärmedämmung.
Für ein Reetdach gelten Wärmedämmwerte, die etwa doppelt so hoch sind wie vergleichbare Aufbauten aus Ziegeln. Strohdächer weisen sogar noch bessere k-Werte auf, weil Dachstroh noch dünnhalmiger ist als Reet und daher für eine vorgegebene Stärke der Dachhaut erheblich mehr luftgefüllte Halme benötigt. Hinzu kommt die Tatsache, daß die Winddurchlässigkeit durch die leichtere Verformbarkeit der Halme deutlich geringer ist als bei Reet. So erreicht zum Beispiel eine 45 cm dicke Wand aus Stroh den sensationellen k-Wert einer geschätzten Wärmeleitzahl (Lambda) von 0,05. Dies ist einer der Gründe, weshalb sich auch für das Bauen mit den überall quasi zum Nulltarif verfügbaren Strohballen - einer alten, von Bauern in Nebraska entwickelten Bautechnik - eine Chance abzeichnet. Wer Interesse an dieser Bauweise hat, sei auf die Adresse des Strohballenbaunetzwerks im Anhang verwiesen.

Schallschutz

Der Wechsel von Luft und Pflanzenbestandteilen sorgt nicht nur für die guten Wärmedämmeigenschaften des Reetdaches, sondern ist auch ein guter Lärmschutz. Da sich die Schallwellen ähnlich wie die Wärmeausstrahlungen verhalten, kommt es durch zwei Faktoren zu einer Geräuschminderung. Zum einen pflanzen sich die Schallwellen in den luftgefüllten Halmen des Reets deutlich langsamer fort als in den Pflanzenwänden, und zum anderen wird ein Teil der Schallwellen durch die Halmaußenwände gebrochen und zurückgeworfen.

Regen- und Sturmsicherheit

Reetdächer sind durch ihre Konstruktion und ihre Materialeigenschaften regen-, schnee- und sturmsicher. Die Niederschlagsfeuchtigkeit dringt bei normaler Witterung in der Regel nur etwa 5 cm in die Dachhaut ein. Auch bei starkem Schlagregen und bei Sturm sollen es nur 8 bis 10 cm sein. Durch die Dachneigung und durch Sonne und Wind trocknet die durchfeuchtete Dachoberfläche schnell wieder ab. Durch seinen pelzartigen Aufbau ist dieses Dach absolut schneedicht, denn der gefürchtete, feine Staubschnee hat keine Chance, durch die Deckschichten hindurchzudringen, ganz anders als zum Beispiel bei einer Deckung mit Falz- oder Hohlziegeln. Die Skelettstruktur der Halmschichten, die durch die Bindung mit der Traglattung eine Einheit bildet, ist gleichzeitig elastisch und stabil; sie kann somit den Kräften von Winddruck und Windsog in Grenzen nachgeben, ohne ihren inneren Zusammenhang zu verlieren.


1999 Dipl.Ing. Hans-Peter Schmitz, Erftstadt   Homepage  Email