Selbst wenn das Thema »Reetdach« überhaupt nicht unter dem Aspekt der
regionalen Baukultur und der Denkmalpflege beurteilt wird, bleiben immer
noch eine Reihe von wichtigen Argumenten bestehen, die zugunsten eines
Daches aus Naturbaustoffen sprechen Es sind dies Bauästhetik, Individualität,
Ressourcenschonung durch gute Klimaeigenschaften sowie alle jene nicht in Mark
und Pfennig zu bewertenden Empfindungen, die zum Wohlbefinden in den eigenen
vier Wänden beitragen.
Bauphysikalische Eigenschaften
Die bauphysikalischen Eigenschaften des Reetdaches, die insbesondere
die vorteilhaften Dämmeigenschaften hinsichtlich Wärme und Schall sowie
die Regensicherheit und Dauerhaftigkeit einschließen, sind in erster
Linie in der speziellen Bauweise der einzelnen Halme begründet, bei der
sich auf engem Raum unterschiedliche Stoffe, nämlich Luft und Pflanzenteile
abwechseln und gleichzeitig einen dichten und trotzdem diffusionsoffenen
Dachaufbau ermöglichen.
Warmdach, Kaltdach
Bei der Beurteilung der Eigenschaften eines
Daches unterscheidet man grundsätzlich zwischen einem sogenannten
Kalt- und einem Warmdach. Beim Kaltdach oder belüfteten Dach wird
zwischen der Dachhaut und der wärmedämmenden Innenschicht ein
Zwischenraum gelassen, der über Öffnungen am First, in der Dachfläche
und an den Dachrändern mit der Außenluft in Verbindung steht und somit
als Klimapuffer verhindert, daß sich die Temperaturschwankungen von innen
nach außen und von außen nach innen übertragen. Im Gegensatz zum Kaltdach
sind Warmdächer - zu denen auch das Weichdach aus Reet und Stroh zählt -
einschalige und unbelüftete Dächer, bei denen üblicherweise Maßnahmen zum
Schutz gegen Wasserdampfdiffusion und die daraus resultierende Kondensation
zu treffen sind. Bei Hartdeckungen mit Ziegeln, Schiefer oder Betondachsteinen
kann es bei bestimmten Klimavoraussetzungen zu einer tieferen Temperatur
des Deckmaterials als in der sie umgebenden Außenluft kommen, so daß der
Taupunkt unterschritten wird und sich an der Unterseite der Deckung ein
Wasserkondensat als Schwitzwasser bildet. Durch den hohen Luftanteil des
Reet- und Strohmaterials kann es bei einem als Warmdach ausgeführten
Weichdach nicht zu dieser Entwicklung kommen, da es auf Grund seiner
bauphysikalischen Eigenschaften atmungsaktiv und diffusionsoffen ist.
Wärmeleitung und Wärmeschutz
Deckungen aus Ziegel und Stein sind als gute Wärmeleiter bekannt und kaum
in der Lage, das Eindringen der äußeren Temperaturen in den Raum unter dem
Dachstuhl zu verhindern. Ganz anders ist es bei Stroh und Rohr, die durch
ihren hohen Anteil an Luft als schlechte Wärmeleiter gelten. Denn Luft
verändert seine Temperatur deutlich langsamer als die sie umgebenden
Feststoffe. So verdanken diese Dächer ihre klimaausgleichende Eigenschaft
zum einen der Dicke der Dachhaut, aber auch dem Deckmaterial selbst, dessen
Hohlräume mit Luft gefüllt sind und daher für einen atmungsaktiven Ausgleich
der Luftfeuchtigkeit sorgen.
Dieser wirksame Wärmeschutz, also die Abwehr der äußeren Kälte und die Erhaltung
der durch Heizung erzeugten Wärme, sorgen für ein Gefühl von Behaglichkeit. Das
Innere eines reetgedeckten Hauses ist daher vor extremen Temperaturschwankungen,
die im Tag-Nacht-Wechsel auftreten, geschützt. Die geringe Wärmeleitfähigkeit
des Rohrs hilft bei der Senkung der Heizkosten. Unter dem weichen Dach ist es
darum im Winter mollig warm und im Sommer angenehm kühl.
Die Wärmeschutzverordnung schreibt für alle Bauteile Wärmedämmwerte vor. Die
bestimmende Größe für den Wärmeschutz ist der sogenannte k-Wert, der
Wärmedurchgangskoeffizient, auch Wärmedurchgangszahl genannt, der in W/(m2K)
gemessen wird. Je kleiner der k-Wert ist, desto besser die Wärmedämmung.
Für ein Reetdach gelten Wärmedämmwerte, die etwa doppelt so hoch sind wie
vergleichbare Aufbauten aus Ziegeln. Strohdächer weisen sogar noch bessere
k-Werte auf, weil Dachstroh noch dünnhalmiger ist als Reet und daher für
eine vorgegebene Stärke der Dachhaut erheblich mehr luftgefüllte Halme
benötigt. Hinzu kommt die Tatsache, daß die Winddurchlässigkeit durch
die leichtere Verformbarkeit der Halme deutlich geringer ist als bei
Reet. So erreicht zum Beispiel eine 45 cm dicke Wand aus Stroh den
sensationellen k-Wert einer geschätzten Wärmeleitzahl (Lambda) von
0,05. Dies ist einer der Gründe, weshalb sich auch für das Bauen mit
den überall quasi zum Nulltarif verfügbaren Strohballen - einer alten,
von Bauern in Nebraska entwickelten Bautechnik - eine Chance abzeichnet.
Wer Interesse an dieser Bauweise hat, sei auf die Adresse des
Strohballenbaunetzwerks im Anhang verwiesen.
Schallschutz
Der Wechsel von Luft und Pflanzenbestandteilen sorgt nicht nur für die
guten Wärmedämmeigenschaften des Reetdaches, sondern ist auch ein guter
Lärmschutz. Da sich die Schallwellen ähnlich wie die Wärmeausstrahlungen
verhalten, kommt es durch zwei Faktoren zu einer Geräuschminderung. Zum
einen pflanzen sich die Schallwellen in den luftgefüllten Halmen des Reets
deutlich langsamer fort als in den Pflanzenwänden, und zum anderen wird
ein Teil der Schallwellen durch die Halmaußenwände gebrochen und
zurückgeworfen.
Regen- und Sturmsicherheit
Reetdächer sind durch ihre Konstruktion und ihre Materialeigenschaften regen-,
schnee- und sturmsicher. Die Niederschlagsfeuchtigkeit dringt bei normaler
Witterung in der Regel nur etwa 5 cm in die Dachhaut ein. Auch bei starkem
Schlagregen und bei Sturm sollen es nur 8 bis 10 cm sein. Durch die
Dachneigung und durch Sonne und Wind trocknet die durchfeuchtete Dachoberfläche
schnell wieder ab. Durch seinen pelzartigen Aufbau ist dieses Dach absolut
schneedicht, denn der gefürchtete, feine Staubschnee hat keine Chance,
durch die Deckschichten hindurchzudringen, ganz anders als zum Beispiel
bei einer Deckung mit Falz- oder Hohlziegeln. Die Skelettstruktur der
Halmschichten, die durch die Bindung mit der Traglattung eine Einheit
bildet, ist gleichzeitig elastisch und stabil; sie kann somit den Kräften
von Winddruck und Windsog in Grenzen nachgeben, ohne ihren inneren
Zusammenhang zu verlieren.