Das Raumbuch - bewährte Hilfe für die gründliche Planung

Leseprobe : Isphording/Reiners, Der ideale Grundriß, Callwey Verlag

Jedes Wohnhaus hat - unabhängig von der Größe - im Laufe der Zeit ganz unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse seiner Bewohner zu erfüllen. Wer in jungen Jahren ein Starterhaus plant und baut, setzt andere Prioritäten, als der Bauherr, der sich erst in der zweiten Lebenshälfte den Traum vom eigenen Haus erfüllt. Neben dem Budget und den altersbedingten Wohnvorstellungen fließen auch regionale Vorlieben und landschaftsbedingte Parameter sowie vor allem die geschmacklichen Vorlieben und Erfahrungen in die Planung ein. Neben einer zunehmenden Individualisierung der Wohnbedürfnisse ist parallel ein hohes Maß an ökologischer Verantwortung bei Bauherren und Architekten zu beobachten, unabhängig davon, ob sie experimentell-modern oder eher traditionell planen und bauen wollen.

Der Wunsch nach einer die Gesundheit nicht beeinträchtigenden Bauweise, dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Baumaterial, dem notwendigen Energieeinsatz zu seiner Herstellung und einem sparsamen Umgang mit der Primärenergie zum Unterhalt des Hauses, haben auch das Bewußtsein für die Langlebigkeit und Werthaltigkeit eines Hauses geschärft. Daraus entsteht zunehmend der Wunsch, das eigene Haus möglichst variabel und bei sich wandelnden Wohnansprüchen auch ohne weitreichende bauliche Veränderungen umnutzen zu können. Die lang gepflegte Praxis einer monofunktionalen Raumplanung weicht dem Prinzip eines eher nutzungsneutralen Raumkonzeptes. Bei diesem Ansatz sind die einzelnen Räume nicht nur auf ihre ursprünglich vorgesehene, spezifische Funktion beschränkt, sondern in ihrer räumlichen Dimensionierung so gewählt, daß sie untereinander austauschbar sind, das heißt, der Raumzuschnitt des Kinderzimmers läßt auch die Nutzung als Elternschlafzimmer, zweiten Wohnraum oder Arbeitszimmer zu. Dieses Prinzip des variablen Grundrisses erfordert zwar einen gewissen Mehrbedarf an Fläche - je nach Wohnanspruch mindestens 10 % bei den Wohn- und Schlafräumen -, es ist aber ein zuverlässiger Garant dafür, daß ein Haus auch über die Jahre, ja über Generationen hinweg, besonders gut "funktioniert". Die vielen Häuser aus den zwanziger und dreißiger Jahren, die nach dem Prinzip relativ gleichrangiger Räume geplant wurden, belegen dies eindrucksvoll. Und: ihre Beliebtheit drückt sich auch in dem vergleichbar hohen Preisniveau aus, das diese Häuser seit einigen Jahren beim Verkauf erzielen.

Unabhängig vom Haushaltstyp und der individuellen Gestaltung lassen sich die Räume eines Wohnhauses funktional in drei Bereiche einordnen, für die sich auch bei der Planung im Sinne einer eindeutigen Verständigung zwischen Auftraggeber und Architekt ein eigener Sprachgebrauch herausgebildet hat:

Der Familien- oder auch Kommunikationsbereich Hierzu zählen alle Räume, die den gemeinsamen Aktivitäten der Bewohner dienen, wie Wohn- und Eßraum oder zum Beispiel ein Musikzimmer, aber auch Außenräume wie Terrasse und Garten. In diesen Räumen findet das kollektive Leben statt, das regelmäßige und gleichzeitige Einfinden aller Bewohner zum Essen, zum Kommunizieren, Musizieren, Spielen sowie Musik hören oder Fernsehen. Ebenso fungieren sie als "offizielle Räume", in denen Gäste empfangen und bewirtet werden.

Der Eingangs- und Flurbereich, der in der Regel ein separates WC und die Garderobe enthält, nimmt eine vermittelnde Funktion zwischen öffentlicher und privater Sphäre ein. Neben der Schwellen- und Klimapufferfunktion kommt dem Eingangsbereich bei aller Funktionalität auch die Aufgabe zu, die Bewohner selbst und Fremde sowie Gäste beim Betreten auf den Aufenthalt dort einzustimmen, gleichsam eine bauliche Zäsur zwischen dem Draußen und Drinnen zu schaffen. Eine solche Dramaturgie des Einganges, die über das notwendige Flächenminimum früherer Einfamilienhäuser hinausgeht, findet sich in vielen der dargestellten Projekte. Ihre inhaltliche und gestalterische Spanne reicht von der Willkommensgeste über das gewünscht repräsentative Erscheinungsbild einer Halle bis zur gänzlichen Vermeidung einer eigentlichen Eingangssituation, die sogar auf einen Windfang verzichtet und direkt in den Wohnbereich führt: Der Eingangsbereich als gebaute Geisteshaltung seiner Bewohner.

Der Individualbereich Hierunter sind alle Räume zu verstehen, die jedem Familien- oder Hausgemeinschaftsmitglied als Rückzugsmöglichkeit dienen, wie das Kinder- und Elternschlafzimmer, eine Bibliothek, das Arbeitszimmer oder der Medienraum. In diesen Räumen wird geschlafen und geistige Arbeit verrichtet, hier kann eine Krankheit auskuriert oder ungestört einer individuellen Beschäftigung nachgegangen werden.

Die Nebenräume Dieser Bereich umfaßt die Wirtschafts- und Sanitärbereiche eines Wohnhauses wie Küche, Hauswirtschaftsraum, Waschküche, Bäder und WCs. Die auf vielfältige Installationen angewiesenen Räume dienen sowohl der Nahrungszubereitung und Vorratshaltung als auch der Körper- und Wäschepflege sowie dem Unterhalt des häuslichen Betriebes - sie bilden die technischen Zentren des Haushaltes, unabhängig davon, wie wohnlich Küche und Bäder auch eingerichtet sind.

Zu Beginn der Grundrißplanung sollten die Bauherren definieren, welche Ansprüche sie an das neue Haus stellen wollen und welche Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen die zukünftigen Bewohner mit dem zu planenden Neubau verbinden. Eine sinnvolle Vorgehensweise kann dabei sein, die guten und schlechten Erfahrungen mit der gegenwärtigen Wohnsituation zu sammeln und zu notieren. Eine solche Positiv-/ Negativliste kann ein erster wertvoller Schritt sein, selbst Klarheit über die grundlegenden planerischen Anforderungen zu gewinnen. Diese sollten sich sowohl auf das Haus in seiner Gesamtheit, also auf Größe, Form und Ausstrahlung beziehen, als auch auf die einzelnen Räume selbst.

Das Raumbuch will durch die Darstellung der Funktionen und Funktionszusammenhänge der einzelnen Räume eines Wohnhauses in die praktische Grundrißgestaltung einführen. Fragen des bauinteressierten Lesers an die Planung eines jeden Raumes, wie zum Beispiel »Wo ist erfahrungsgemäß, aber auch für einen persönlich, die beste Lage für das Schlafzimmer im Haus?» oder »Wie groß ist eine sinnvoll eingerichtete Küche auszulegen?» sollen hier eine erste Beantwortung erfahren. Die getroffenen Aussagen in den einzelnen Kapiteln sind das Ergebnis allgemeiner planerischer Erfahrung, die zwangsläufig zeitbedingt sind und selbstverständlich nicht den Anspruch von Endgültigkeit oder gar Gesetzescharakter haben. Die formulierten Erfahrungen sollen vielmehr dazu anregen, die eigenen Wohnvorstellungen inhaltlich zu überprüfen, neue Informationen und Hinweise aufzunehmen, um diese dann gemeinsam mit dem betreuenden Architekten Grundriß und Gestalt annehmen zu lassen.
(Anmerkung der Red.)

In den folgenden Abschnitten (13 S.) dann detaillierte Überlegungen und Anregungen zu :

Der Eingang - Zugang und Erschließungszone

Die Küche - Arbeitsplatz zum Wohlfühlen

Das Bad - von der Naßzelle zum Badezimmer

Wohnen, Essen, Wintergarten - das Zentrum

Das Schlafzimmer - jeden Tag lange genutzt

Das Kinderzimmer - meist zu klein und ohne Spielraum

Der Keller - Abstellraum oder sinnvolle Nutzfläche




2000 Dipl.Ing. Hans-Peter Schmitz, Erftstadt   Homepage  Email