Jedes Wohnhaus hat - unabhängig von der Größe - im Laufe der Zeit ganz
unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse seiner Bewohner zu erfüllen.
Wer in jungen Jahren ein Starterhaus plant und baut, setzt andere
Prioritäten, als der Bauherr, der sich erst in der zweiten Lebenshälfte
den Traum vom eigenen Haus erfüllt. Neben dem Budget und den altersbedingten
Wohnvorstellungen fließen auch regionale Vorlieben und landschaftsbedingte
Parameter sowie vor allem die geschmacklichen Vorlieben und Erfahrungen
in die Planung ein. Neben einer zunehmenden Individualisierung der
Wohnbedürfnisse ist parallel ein hohes Maß an ökologischer Verantwortung
bei Bauherren und Architekten zu beobachten, unabhängig davon, ob sie
experimentell-modern oder eher traditionell planen und bauen wollen.
Der Wunsch nach einer die Gesundheit nicht beeinträchtigenden Bauweise,
dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Baumaterial, dem notwendigen
Energieeinsatz zu seiner Herstellung und einem sparsamen Umgang mit
der Primärenergie zum Unterhalt des Hauses, haben auch das Bewußtsein
für die Langlebigkeit und Werthaltigkeit eines Hauses geschärft. Daraus
entsteht zunehmend der Wunsch, das eigene Haus möglichst variabel und bei
sich wandelnden Wohnansprüchen auch ohne weitreichende bauliche
Veränderungen umnutzen zu können. Die lang gepflegte Praxis einer
monofunktionalen Raumplanung weicht dem Prinzip eines eher nutzungsneutralen
Raumkonzeptes. Bei diesem Ansatz sind die einzelnen Räume nicht nur auf
ihre ursprünglich vorgesehene, spezifische Funktion beschränkt, sondern
in ihrer räumlichen Dimensionierung so gewählt, daß sie untereinander
austauschbar sind, das heißt, der Raumzuschnitt des Kinderzimmers läßt
auch die Nutzung als Elternschlafzimmer, zweiten Wohnraum oder
Arbeitszimmer zu. Dieses Prinzip des variablen Grundrisses erfordert
zwar einen gewissen Mehrbedarf an Fläche - je nach Wohnanspruch mindestens
10 % bei den Wohn- und Schlafräumen -, es ist aber ein zuverlässiger Garant
dafür, daß ein Haus auch über die Jahre, ja über Generationen hinweg,
besonders gut "funktioniert". Die vielen Häuser aus den zwanziger und
dreißiger Jahren, die nach dem Prinzip relativ gleichrangiger Räume
geplant wurden, belegen dies eindrucksvoll. Und: ihre Beliebtheit drückt
sich auch in dem vergleichbar hohen Preisniveau aus, das diese Häuser
seit einigen Jahren beim Verkauf erzielen.
Unabhängig vom Haushaltstyp und der individuellen Gestaltung lassen sich
die Räume eines Wohnhauses funktional in drei Bereiche einordnen, für die
sich auch bei der Planung im Sinne einer eindeutigen Verständigung
zwischen Auftraggeber und Architekt ein eigener Sprachgebrauch
herausgebildet hat:
Der Familien- oder auch Kommunikationsbereich
Hierzu zählen alle Räume, die den gemeinsamen Aktivitäten der Bewohner
dienen, wie Wohn- und Eßraum oder zum Beispiel ein Musikzimmer, aber
auch Außenräume wie Terrasse und Garten. In diesen Räumen findet das
kollektive Leben statt, das regelmäßige und gleichzeitige Einfinden
aller Bewohner zum Essen, zum Kommunizieren, Musizieren, Spielen sowie
Musik hören oder Fernsehen. Ebenso fungieren sie als "offizielle Räume",
in denen Gäste empfangen und bewirtet werden.
Der Eingangs- und Flurbereich, der in der Regel ein separates WC und
die Garderobe enthält, nimmt eine vermittelnde Funktion zwischen
öffentlicher und privater Sphäre ein. Neben der Schwellen- und
Klimapufferfunktion kommt dem Eingangsbereich bei aller Funktionalität
auch die Aufgabe zu, die Bewohner selbst und Fremde sowie Gäste beim
Betreten auf den Aufenthalt dort einzustimmen, gleichsam eine bauliche
Zäsur zwischen dem Draußen und Drinnen zu schaffen. Eine solche
Dramaturgie des Einganges, die über das notwendige Flächenminimum
früherer Einfamilienhäuser hinausgeht, findet sich in vielen der
dargestellten Projekte. Ihre inhaltliche und gestalterische Spanne
reicht von der Willkommensgeste über das gewünscht repräsentative
Erscheinungsbild einer Halle bis zur gänzlichen Vermeidung einer
eigentlichen Eingangssituation, die sogar auf einen Windfang verzichtet
und direkt in den Wohnbereich führt: Der Eingangsbereich als gebaute
Geisteshaltung seiner Bewohner.
Der Individualbereich
Hierunter sind alle Räume zu verstehen, die jedem Familien- oder
Hausgemeinschaftsmitglied als Rückzugsmöglichkeit dienen, wie das
Kinder- und Elternschlafzimmer, eine Bibliothek, das Arbeitszimmer
oder der Medienraum. In diesen Räumen wird geschlafen und geistige
Arbeit verrichtet, hier kann eine Krankheit auskuriert oder ungestört
einer individuellen Beschäftigung nachgegangen werden.
Die Nebenräume
Dieser Bereich umfaßt die Wirtschafts- und Sanitärbereiche eines
Wohnhauses wie Küche, Hauswirtschaftsraum, Waschküche, Bäder und WCs.
Die auf vielfältige Installationen angewiesenen Räume dienen sowohl
der Nahrungszubereitung und Vorratshaltung als auch der Körper- und
Wäschepflege sowie dem Unterhalt des häuslichen Betriebes - sie bilden
die technischen Zentren des Haushaltes, unabhängig davon, wie wohnlich
Küche und Bäder auch eingerichtet sind.
Zu Beginn der Grundrißplanung sollten die Bauherren definieren, welche
Ansprüche sie an das neue Haus stellen wollen und welche Wünsche,
Hoffnungen und Erwartungen die zukünftigen Bewohner mit dem zu
planenden Neubau verbinden. Eine sinnvolle Vorgehensweise kann
dabei sein, die guten und schlechten Erfahrungen mit der gegenwärtigen
Wohnsituation zu sammeln und zu notieren. Eine solche Positiv-/ Negativliste
kann ein erster wertvoller Schritt sein, selbst Klarheit über die
grundlegenden planerischen Anforderungen zu gewinnen. Diese sollten
sich sowohl auf das Haus in seiner Gesamtheit, also auf Größe, Form
und Ausstrahlung beziehen, als auch auf die einzelnen Räume selbst.
Das Raumbuch will durch die Darstellung der Funktionen und
Funktionszusammenhänge der einzelnen Räume eines Wohnhauses in die
praktische Grundrißgestaltung einführen. Fragen des bauinteressierten
Lesers an die Planung eines jeden Raumes, wie zum Beispiel »Wo ist
erfahrungsgemäß, aber auch für einen persönlich, die beste Lage für das
Schlafzimmer im Haus?» oder »Wie groß ist eine sinnvoll eingerichtete
Küche auszulegen?» sollen hier eine erste Beantwortung erfahren. Die
getroffenen Aussagen in den einzelnen Kapiteln sind das Ergebnis
allgemeiner planerischer Erfahrung, die zwangsläufig zeitbedingt
sind und selbstverständlich nicht den Anspruch von Endgültigkeit
oder gar Gesetzescharakter haben. Die formulierten Erfahrungen sollen
vielmehr dazu anregen, die eigenen Wohnvorstellungen inhaltlich zu
überprüfen, neue Informationen und Hinweise aufzunehmen, um diese
dann gemeinsam mit dem betreuenden Architekten Grundriß und Gestalt
annehmen zu lassen.
(Anmerkung der Red.)
In den folgenden Abschnitten (13 S.) dann detaillierte Überlegungen und Anregungen zu :
Der Eingang - Zugang und Erschließungszone
Die Küche - Arbeitsplatz zum Wohlfühlen
Das Bad - von der Naßzelle zum Badezimmer
Wohnen, Essen, Wintergarten - das Zentrum
Das Schlafzimmer - jeden Tag lange genutzt
Das Kinderzimmer - meist zu klein und ohne Spielraum
Der Keller - Abstellraum oder sinnvolle Nutzfläche