Qualitätsstandards definieren

Maßnahmenbeschreibung
Die Kosten einer Baumaßnahme setzen sich, ganz grob betrachtet, etwa je zur Hälfte aus Lohnkosten und Materialkosten zusammen. Dieses Kostenverhältnis kann sich beträchtlich verschieben. Je nach gewählten Qualitätsstandards für die eingebauten Materialien kann der Materialkosten-Anteil zwischen 40 und 60 % (oder darüber) liegen.

Da der Absolut-Lohnkostenanteil hierbei nahezu unverändert bleibt, verteuern sich die Gesamt-Baukosten mit steigenden Qualitätsanforderungen an die eingesetzten Materialien. Da die überwiegende Anzahl der zu treffenden Entscheidungen für oder gegen eine bestimmte Materialausführung in vielen Fällen Geschmackssache ist, sollte man von der frühzeitigen Festlegung von Materialstandards Gebrauch machen.

Ziel des hier vorgeschlagenen Vorgehens ist es nicht unbedingt, die Anforderungen an die Materialqualitäten im Sinne einer möglichst großen Kostenreduzierung zurückzuschrauben. Nein : Der Bauherr soll sich mit dem Planer und seiner Familie über dieses Thema frühzeitig und detailliert unterhalten und dann bewußt die erforderlichen Entscheidungen treffen. Ziel ist es auch hier, eine realistische Kostenplanung aufzustellen, die den späteren realen Entwicklungen auch standhält.



Der eine oder andere Bauherr legt vielleicht Wert auf die Verwendung luxuriöser Materialqualitäten. Er sollte diese dann aber auch bewußt benennen und damit dem Planer oder sich selbst die Chance geben, dafür auch ein entsprechendes Budget einzuplanen. Mit groben Umschreibungen z.B. eines Bauträgers für ein Gesamtobjekt (Luxusausstattung, hochwertige Ausstattung) ist im Grunde nichts belastbares ausgesagt.

Die Festlegung von Material-Qualitäten im Detail kann verschiedene Zielsetzungen haben

1) Ein Schlüsselfertigobjekt soll gekauft werden. Will der Bauherr die gekaufte Luxusausstattung ohne spätere Mehrkosten auch wirklich erhalten, muß er sich die Mühe machen und möglichst viele Details genau definieren. Tut er dies nicht, wird es später endlose Debatten darüber geben, was mit Luxusausstattung gemeint war - dieser Begriff ist nämlich keinesweg in irgendeiner Form geregelt. Eine sehr detaillierte Baubeschreibung kann diese Probleme von vorneherein vermeiden.

2) Ein Objekt soll innerhalb eines kapp bemessenen Kostenrahmens realisiert werden. Um spätere Kostenüberraschungen zu vermeiden, werden die alternativen Materialqualitäten in einem frühen Stadium kostenmäßig detailliert betrachtet und dann festgeschrieben. In allen Ausschreibungen werden die Materialqualitäten, z.T. auch mit Herstellervorgaben, explizit aufgenommen. Alle später noch hinzukommenden Materialvarianten müssen kostenmäßig in diesen Planungsrahmen passen.

3) Ein Bauträger will, um möglichst große Mengenrabatte von seinen Lieferanten zu bekommen, die benötigten Materialien zu größeren Bestellmengen bündeln. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, die Vielfalt der verschiedenen Ausführungen stark einzuschränken. Um seinen Kunden trotzdem gewisse Wahlfreiheiten zu belassen, wird nach eingehender Kostenkalkulation ein Katalog mit exakt festgeschriebenen Materialqualitäten definiert.

Was sollte man bei der Definition von Materialstandards berücksichtigen ?


Mit Materialüberlegungen sehr frühzeitig beginnen

Mit den Überlegungen zur geeigneten Auswahl von Materialien und der Bildung von Materialstandards sollte sehr frühzeitig begonnen werden. Einzelne vordergründig die Innenausstattung betreffende Entscheidungen haben gravierenden Einfluß auf planerische Grundlagen. So ist z.B. die Frage, ob die Dachbalken im Dachgeschoß sichtbar ausgeführt werden sollen, von grundlegender Bedeutung für die Statik des Dachstuhls und die Ausführung der Dachflächendämmung.


Materialeignung für den speziellen Einsatzfall prüfen

Die beabsichtigten Materialfestlegungen sollten frühzeitig mit dem Planer diskutiert werden, ob die dauerhafte Eignung für den speziellen Anwendungsfall gegeben ist.


Tatsächliche Kosten der Materialqualitäten prüfen

Bereits die erste Kostenschätzung hängt ganz wesentlich von diesen Festlegungen ab. Man braucht nicht unbedingt die äußeren Ausprägungen der Materialien, wie Farbe, Größe oder physikalische Eigenschaften festzulegen. Aber der Kostenbetrag, der für die einzelnen Materialien eingeplant wird, sollte recht genau definiert werden. Es empfiehlt sich nicht, bei allen Festlegungen kalkulatorische Sicherheiten einzuplanen. Dies bläht das Budget nur unnötig auf.


Betrachtung der Verarbeitungskosten einschließen

Die unterschiedlichen Materialien unterscheiden sich oft auch in den spezifischen Verarbeitungskosten. So haben großformatige Porenbeton- oder KS-Planblöcke hohe Lieferpreise, können sich aber durch die deutlich geringeren Verarbeitungskosten und weitere Vorteile dennoch rechnen.


Betrachtung der Betriebskosten einschließen

Die Herstellungskosten (Material + Lohnarbeit) sind manchmal nicht alleine entscheidend für die optimale Material- oder Systemauswahl. So wird sich ein teureres, aber deutlich sparsamer mit Energie umgehendes Niedrigtemperatur- Heizsystem in einem gewissen Zeitraum nicht nur amortisieren, sondern fortan Geld sparen. Auch bei der Schaffung von vermietetem Wohnraum wäre es kurzsichtig vom Vermieter, zu sagen, die Energiekosten werden ja doch von den Mietern getragen. In Zeiten des Wohnraumüberschusses - wie zur Zeit - haben es Vermieter gut gedämmter Wohnungen mit sehr geringem Energiebedarf deutlich leichter, ihre Objekte zu vermieten. Die zu erwartende Heizkostenersparnis ist für den Mieter ein attraktiver Anreiz.


Betrachtung der Verfügbarkeit und Lieferzeiten einschließen

Auch die jederzeitige Verfügbarkeit eines Materials und die zu kalkulierenden Lieferzeiten können für eine Materialauswahl entscheidend sein. So ist z.B. die langfristige Verfügbarkeit von Ersatzteilen ein gutes Argument für die Auswahl eines einheimischen Markenfabrikates im Sanitärbereich. Das extrem günstige Sonderangebot aus dem Baumarkt muß vielleicht schon nach wenigen Jahren ausgewechselt werden, weil spezielle Ersatzteile nicht mehr so ohne weiteres erhältlich sind.


Materialentscheidungen festschreiben mit Redaktionsschluß

Es hat sich bewährt, gegen Ende der Planungsphase einen förmlichen Redaktionsschluß zu vollziehen, der für alle Anderungen ohne zwingenden Grund (Planungen, Materialien) gilt. Diese künstlich aufgebaute Hemmschwelle führt erfahrungsgemäß bei allen Beteiligten (Planer, Unternehmer, Familie, Bauherr) zu einer besseren Kostendisziplin. Auf den ersten Blick sind alle kleinen Änderungen ohne gravierenden Einfluß auf die Kosten. Die Erfahrung lehrt aber, daß das Gegenteil der Fall ist. Fast jede Änderung zieht irgendwelche Änderungen an Nachbar- oder Folgegewerken nach sich. Auch hieraus evt. resultierende Terminprobleme sind in aller Regel mit Mehrkosten verbunden. Allein der entstehende Motivationsverlust beim Ausführenden, der immer wieder neu disponieren muß, darf nicht unterschätzt werden.
Also : Änderungen unbedingt vermeiden.

2000 Dipl.Ing. Hans-Peter Schmitz, Erftstadt   Homepage  Email